Die Abbilder magischer oder göttlicher Wesen in der volkstümlichen Kunst haben eine Jahrtausendealte Tradition. Schon in der Steinzeit wurden Zeichnungen oder simple Figuren für kultische Zwecke erschaffen. In vielen Naturreligionen gehen die Menschen davon aus, dass ihre Götter, Geister und andere übersinnliche Wesen an alltäglichen Orten wie Wäldern, Hainen oder Seen anzutreffen sind. Als Zeichen der Verehrung werden Symbole oder Abbilder dieser Wesen geschaffen. Grob behauene Steinskulpturen oder getöpferte Nachbildungen schwangerer Frauen gelten als Werkzeuge zur Verehrung von Mutter Erde und sollen dazu beitragen, dass die Menschen mit reichen Ernten und Fruchtbarkeit gesegnet werden. Der so genannte Traumfänger der nordamerikanischen Indianer ist ein rundes Geflecht aus Zweigen, das Alpträume und bösen Visionen fernhalten soll. Keltische Amulette mit einer kunstvollen, komplizierten Ornamentik oder germanische Runen sind Symbole für Gesundheit, Erfolg und Stärke.
Auch nach der Christianisierung haben sich viele dieser Figuren in abgewandelter Form erhalten. Die Geister, Feen und Elfen der heidnischen Kulte wurden in der Volksfrömmigkeit durch Engel ersetzt. Daher ist es nicht erstaunlich, den Abbildungen dieser Boten Gottes in vielerlei Formen zu begegnen. Als Skulpturen, auf Anhängern, als Talismane oder Poster treten uns Engel gegenüber, die über unser Schicksal wachen und für uns einen direkten Kontakt mit dem Übersinnlichen und Göttlichen symbolisieren. Selbst die populären Gartenzwerge sind eine verniedlichte Form dieses archaischen Phänomens.
Nicht nur in europäischen Kulturen sind an die Stelle alter Geister die christlichen Figuren getreten. Auch in Naturreligionen wie dem Voodoo oder Santeria haben christliche Heilige den Platz der alten Geister angenommen. Es lässt sich auch die Theorie formulieren, dass hinter vielen Figuren noch die alten Götter lauern, denen das christliche Erscheinungsbild als Maskerade dient.
In der modernen, rational geprägten Zeit gibt es eine große Sehnsucht nach Mythen, die in der fantastischen Literatur ihren Ausdruck findet. Figuren von Drachen oder Wasserspeiern, den so genannten Gargoyles, zieren viele Wohnungen, Gärten oder sogar die Mauern von Kathedralen. Während im christlichen Mystizismus der Drache ein Symbol für Bedrohung, Gefahr und das Teuflische darstellt, sind Figuren dieser fliegenden Echsen im asiatischen Raum als Glücksbringer und Segenspender hoch geschätzt. Der Drache steht hier für Kraft, Engagement und Lebensenergie. Requisiten alter kultischer Handlungen wie zum Beispiel der Zauberstab, magische Bücher oder das Hexenbrett haben heutzutage häufig den Stellenwert von Dekoration oder Freizeitvergnügen. Doch es gibt auch heute noch eine Minderheit, die sich vermehrt den alten Kultpraktiken zuwendet und so nach einer Ersatzreligion für das Christentum sucht. Diese Entwicklung liegt begründet in einer romantisch verklärten Vorstellung, die durch moderne Medien von vergangenen Zeiten geprägt wird. Das Christentum erscheint hier oft als eher restriktiv, körperfeindlich und asketisch. Daher haben manche Figuren archaischer Kulte zuweilen eine phallische Form oder stellen erotische Handlungen dar. Ein populäres Beispiel dafür findet sich in den zahlreichen Skulpturen des griechischen Gottes Pan, dessen Erscheinungsbild stark an den Teufel erinnert.


4. Mai 2011
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